NIDDA - Konkret und persönlich muss die Suche nach neuen Mitstreitern gestaltet werden, sagen die CDU-Vertreter Adelheid Spruck, Jacob Ulrich und Michael Theel. Im Interview mit dem Kreis-Anzeiger sprechen sie über Themen und Strategien. Das Gespräch zeigt: Die Zukunft der Bäder und die fehlende Infrastruktur auf dem Land werden in Nidda zum Dauerbrenner.

Im Frühjahr 2021 sind Kommunalwahlen. Staatsministerin Lucia Puttrich drängte während der CDU Jahreshauptversammlung Ende November darauf, sich schon jetzt zu bemühen, die Listen zu besetzen. Wie kommen Sie voran?

Jacob Ulrich: Wir verfolgen die klassische Vorgehensweise mit den Fragestellungen "Was ist das Ziel?", "Welches sind die relevanten Themen?" und "Welche Antworten kann man für bestimmte Bereiche geben?"

Adelheid Spruck: Es gibt viele Leute, die politisch interessiert und unzufrieden sind. Sie möchten sich engagieren, aber das nicht zwingend als CDU-Mitglied.
Wird sich demnach die Anzahl Ihrer Hospitanten erhöhen?
Adelheid Spruck: Möglicherweise. Wir hatten jedoch schon immer Hospitanten in unseren Reihen.

Michael Theel: Es ist ein gesellschaftspolitisches Problem. Besonders deutlich sieht man das an den Vereinen. Die haben immer mehr Schwierigkeiten, ihre Aufgaben wahrzunehmen, weil sie keine Leute mehr haben. Wenn einer im Dorf aktiv ist, ist er nicht nur in einem Vorstand, sondern in zwei oder drei Vorständen, weil er zu den Leuten gehört, die etwas bewegen wollen. Viele wollen sich nicht mehr binden. Vor dem Eintritt in eine politische Partei besteht wahrscheinlich auch ein hoher Respekt. Es geht auch um die eigene Darstellung in der Gesellschaft, wie man gesehen oder eben nicht gesehen werden möchte.
Welche Konsequenz hat das für die politische Arbeit?
Theel: Die Schwerpunkte müssen mehr in den Vordergrund gestellt werden wie zum Beispiel die Landwirtschaft, Kindergärten oder anderes.

Ulrich: Es gibt allgemein nicht viele Leute mit einem generellen Interesse an allen Themen. Wir sind froh um jeden, der mitmachen möchte. Uns ist wichtig, dass wir die zentralen Themen für Nidda besetzen und diese gemeinsam angehen. Darauf muss der Fokus liegen. Ob das ein Hospitant, einer, der seit 50 Jahren CDU-Mitglied, ein Berufsanfänger oder ein Rentner ist, spielt keine Rolle. Die Mischung macht's. Wir brauchen Leute, die wissen, wie die Gremienarbeit funktioniert, aber wir brauchen auch jüngere, die nachkommen und mitgestalten wollen.
Viele hoffen auf die sogenannten Millennials beziehungsweise die "Generation Y". Wie viele junge Leute sind in den vergangenen drei Jahren zur CDU gekommen?
Ulrich: Wir konnten den Vorstand seit 2009 konsequent verjüngen. Das Durchschnittsalter des Vorstands ist das niedrigste, das wir seit langer Zeit haben.
Wie sprechen Sie junge Leute an?
Ulrich: Durch eine persönliche Ansprache. Zum Beispiel so: "Ich möchte, dass Du diese Position übernimmst, weil ich glaube, dass Du über die Fähigkeiten A, B, C verfügst und Dich in E, F, G einbringen kannst." Ich habe mit einigen auf der JU-Ebene zusammengearbeitet und weiß, wer welche Kompetenzen besitzt. Man muss den Jungen auch Verantwortung übertragen und sie nicht nur auf die Beisitzer-Posten setzen. In dem Moment, wenn ich jemanden habe, der wichtige Aufgaben übernimmt, und das in seinem Freundeskreis erzählt, erreiche ich weitere. Die Freunde merken, "da kann ich mitmachen". Das ist, glaube ich, der einzig richtige Weg für eine Partei, um langfristig Bestand zu haben.

Spruck: Junge Leute haben ganz andere Kommunikationsmöglichkeiten. Unsere Generation hat sich zwar ein Stück weit mit Social Media angefreundet, die Jungen jedoch wachsen ganz selbstverständlich damit auf. Es gibt immer wieder Mitglieder auch in den Vereinen, die sagen, "das haben wir immer so gemacht". Aber man darf sich dem Neuen nicht verschließen.
Oft wird gesagt: "Ein Neueinsteiger soll erst mal Plakate kleben ..." Gibt es da auch kritische Stimmen, die Neulinge lieber in der zweiten oder dritten Reihe sehen?

Ulrich: Dass wir auf dem richtigen Weg sind, kann man an den Wahlergebnissen der Mitgliederversammlung ablesen. Die Jungen haben gute Zustimmungswerte. In der CDU ist es Tradition, den Jüngeren Verantwortung zu geben, und diese sollte man auch weiterführen. Ich bin 2009 Beisitzer im Stadtverband geworden. Bis 2016 war ich stellvertretender Vorsitzender, danach Vorsitzender. Wenn Sie so wollen, habe ich meine Plakate selbst geklebt.

Gab es irgendeine Situation, in der es bei Ihnen zwischen den Generationen geraucht hat?
Ulrich: Geraucht hat es nie. Was ich sehr schätze, ist, dass es im Vorstand eine sehr gute Feedback-Kultur gibt. Ich bekam von Adelheid Spruck mal einen Anruf, weil wir die Kommunikation komplett auf Whats App umstellen wollten. Sie stellte berechtigterweise die Frage, ob denn alle Whats App hätten.

Spruck: Die jungen Leute meinen, man kann alles schriftlich machen. Aber manche Dinge sollte man doch besser persönlich klären.
Ulrich: Da haben wir eingesehen. Ein persönliches Gespräch ist manchmal doch wichtiger und richtiger als der effizientere Weg einer Kurznachricht, die natürlich in einen stressigen Arbeitsalltag gut passt.

Welches sind die weiteren, für Nidda relevanten Themen?
Ulrich: Das sind nach wie vor unsere Bäder.
Wie ist der aktuelle Stand?
Spruck: Das Hallenbad steht da. Wir haben eine Zwischenlösung mit den Containern, weil wir die Duschen für das Freibad brauchen. In irgendeiner Weise muss man sich überlegen, wie man diesen Bau weiter nutzen kann. Reißen wird ihn für 500 000 Euro ab? Ist er anders nutzbar? Die CDU steht zum Freibad und zum Solebad. Dieses zieht Leute nach Bad Salzhausen, die Besucherzahlen sind gut. Mit einem "Bad" ohne Bad geht man baden.

Ulrich: Wir haben einen sehr starken interkommunalen Wettbewerb um die Bäder, der sich in absehbarer Zeit auch nicht entspannen wird. Der Gästezuwachs, den wir verbuchen, wird dann in absehbarer Zeit wieder nach Bad Nauheim abwandern. Es wird auch Gäste geben, die sagen, "wir bleiben in Bad Salzhausen". Die Frage ist, wie kann man mit kleinem Bad in Konkurrenz zu den großen Bädern bestehen? Und: Machen wir uns am Ende auch untereinander Konkurrenz?

Theel: Wir haben ganz unterschiedliche Zielgruppen. Ein Bad ist für den Einzugsbereich und den Schulsport wichtig. Schwimmen ist heute kein Volkssport mehr wie früher. Wenn die Leute dann mal schwimmen gehen, fahren sie auch weite Strecken zu einem Spaßbad. Die Überlegung ist, bauen wir ein abgespecktes Spaßbad oder ein Zweckbad? Man muss dabei auch über andere Finanzierungsmodelle nachdenken. Generell ist es schade, dass Eltern immer seltener mit den Kindern schwimmen gehen.
Spruck: Es ist auch nicht die Aufgabe der Schulen, dass die Kinder schwimmen lernen. Kinder müssen schwimmen lernen können. In Bad Salzhausen bietet zum Beispiel das Haus "Am Landgrafenteich" Schwimmkurse an. Das Hallenbad in Gedern ist nicht weit. Eltern haben auch eine Verantwortung. Diese auf den Staat zu übertragen, ist einfach.

Welche Rolle spielt die Infrastruktur?
Ulrich: Es ist ein riesiges Thema im weiteren Sinne, zum Beispiel die angesiedelten Ärzte oder der ÖPNV. Das betrifft auch den Anschluss unserer Bahnhöfe an das Schienennetz des RMV, den eventuelle S-Bahn-Anschluss oder generell die Möglichkeiten für die Pendler, nach Frankfurt zu kommen. Für die Bahnhöfe Nidda und Häuserhof sind Infrastrukturmaßnahmen notwendig. Zur Infrastruktur gehört selbstverständlich auch ein Internet, mit dem man arbeiten kann. Es wird in der großen Politik immer gesagt, dass man den ländlichen Raum stärken will. Es gibt Modellprojekte der Ministerien, die die Arbeitsplätze dezentralisieren. Das kann ich jedoch nur in den Regionen realisieren, wo die Leute arbeiten können und man eine anständige Breitband- beziehungsweise Glasfaserversorgung hat. Vielleicht nicht an jeder Milchkanne, aber an jeder Dorflinde. Im Norden des Ostkreises sind wir noch weiter weg von allem. Wir müssen uns deutlich positionieren, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Theel: Es geht auch um die Nahversorgung in den Stadtteilen. Die Tante-Emma-Läden gehen reihenweise um. Wir haben nun mal 18 Stadtteile. Wir brauchen vor Ort auch Möglichkeiten, dass die Bürger von den kleinen Stadtteilen zu den anderen Dörfern oder nach Nidda kommen.

Spruck: Wir benötigen auch Baugebiete, der Bedarf ist da. Die Leute ziehen aufs Land. In Bad Vilbel kostet der Quadratmeter Bauland mittlerweile 800 Euro. Wir sollten möglichst schnell und so unbürokratisch wie möglich Baugebiete erschließen. Das interkommunale Gewerbegebiet ist uns wichtig, es wird schon seit vielen Jahren diskutiert. Das hatte Lucia Puttrich schon vorgebracht. Da muss Tempo gemacht werden.

Ulrich: Wir müssen gleichzeitig dafür sorgen, dass die alten Ortskerne belebt bleiben und die ältere Generation möglichst lange die Möglichkeit hat, in ihren Häusern zu bleiben. Das erfordert auf den Dörfern irgendeine Art von Versorgung. Die Eier- und Wurstautomaten sind ein erster Schritt.

Spruck: Im Allgäu finanziert eine Kommune den Bau eines Gebäudes, in dem ein Einkaufsmarkt und Sozialwohnungen entstehen. Das ist für uns kaum vorstellbar, wahrscheinlich auch schwer finanzierbar. Vielleicht muss man ganz neue Wege überdenken.
In Wallernhausen hat Nidda doch bereits ein gutes Beispiel geschaffen?

Spruck: Als damals der Einkaufsladen in Wallernhausen geschlossen wurde, haben wir mit den Landfrauen ein Projekt auf den Weg gebracht, um die Finanzierung des Warenbestandes zu sichern. Heute sind dort ein Dorfladen und die "Neue Dorfmitte". Wallernhausen ist ein klassisches Beispiel dafür, was aus einer aktiven Dorfgemeinschaft entstehen kann. Das war eine Riesen Sache.

Ulrich: Das setzt ein immenses ehrenamtliches Engagement voraus, das über Parteienpolitik hinausgeht. Wir sind hier in dörflichen und städtischen Gemeinschaften auf ein Miteinander angewiesen. Das verliert man im politischen Klein-Klein auch gerne mal aus dem Blick.
Wir müssen mehr gemeinsam und weniger gegeneinander arbeiteten. Es ist nicht so wichtig, welche Farbe der Antrag hat, sondern dass es um die Sachfragen geht. Sonst verlieren wir die Leute. Mit gemeinsamen Projekten bekommen wir wieder die an der Politik vor Ort Interessierten.
Wir werden oft an der Landes- oder Bundespolitik gemessen. Doch es sind völlig andere Schwerpunkte, als die, mit denen wir uns vor Ort messen.

Was macht die Kommunalpolitik für Sie persönlich aus?
Spruck: Die kommunale Ebene ist für mich die wichtigste. Man kennt die Probleme vor Ort und man kennt die Menschen. Hier kann man noch miteinander reden. Das muss natürlich auch im Parlament gepflegt werden. Das war viele Jahre aus irgendwelchen Animositäten heraus, die uralt sind, sehr schwierig. Es darf nicht heißen, "die von der SPD" oder "die vor der CDU". Man wird ja schnell in die Parteien-Schublade gesteckt. Die Partei ist ein Teil von mir und den vertrete ich auch. Auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin.

Von Myriam Lenz
Kreis-Anzeiger v. 11.1.2020


"Es ist nicht so wichtig, welche Farbe ein Antrag hat, sondern es geht um Sachfragen", sagt der CDU-Stadtverbandsvorsitzende Jacob Ulrich (l.). Mit seinen Stellvertretern, Adelheid Spruck und Michael Theel, äußert er sich zu den Schwerpunkten im anstehenden Kommunalwahlkampf. Foto: Lenz

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