NIDDA - Ein großer Kapuzinermönch in brauner Kutte wandelte am Donnerstagabend durch den orange beleuchteten Parksaal in Bad Salzhausen. Er ging zu den Leuten an den Stehtischen, fragte sie nach "Woher" und "Wohin". Dann sprach er beim CDU-Neujahrsempfang über Amazon, Friedhöfe und die "Verdunstung des Christentums". Die Wetterauer Parteichefin Lucia Puttrich widmete sich den Thüringer Ereignissen - und kündigte eine Programm-Debatte an. Die Christdemokraten müssten sich vergewissern, wofür sie eigentlich stehen.

Der Schreck über die Vorgänge in Thüringen war der hessischen Europa-Ministerin Lucia Puttrich noch anzumerken. Sie stellte am Mikrofon Fragen, zu denen ihre Parteifreunde in der Erfurter Landtagsfraktion noch keine Zeit und Lust haben: "Welche Einstellung führt dazu, dass man zusammen mit der AfD einen Ministerpräsidenten wählt? Bewusst! Will man das?" Sie selbst auf keinen Fall. Die AfD, das sei in diesem Fall nicht irgendjemand, sondern Höcke. Der dürfe als Faschist bezeichnet werden, so Puttrich. "Wir brauchen eine klare Abgrenzung nach rechts und nach links", forderte die CDU-Chefin und erntete Beifall.
Puttrich wurde grundsätzlich. Man müsse Haltung zeigen und eine Diskurskultur pflegen - also einerseits Widerspruch aushalten und andererseits nicht so tun, als ob man immer in allem Recht habe, "denn dann wird die Gesellschaft gespalten". Die Welt sei komplizierter geworden. Nötig und in Vorbereitung sei eine neue Fassung des CDU-Programms. In nächster Zeit suche man Antwort auf die Frage, welches Menschenbild die CDU hat. Und was das "C" in dem Partei-Namen bedeutet.

Zu Letzterem gab Bruder Paulus teils verblüffende Antworten. "Wir müssen nichts Gutes tun, um in den Himmel zu kommen", sagte der grauhaarige, stoppelbärtige Mann mit tiefer, wohltönender Stimme. "Oh, du bist die Herrlichkeit Gottes, auch mit einer Glatze, auch wenn du keinen Garten mehr umgraben kannst." Auch Prostituierte, Kinderschänder und Betrüger hätten die gleiche Menschenwürde wie jeder im Saale - "das Mensch-Sein kann man keinem herausoperieren."
Wer das annimmt, kann wohl dauerhaft so locker sein wie Bruder Paulus. Er zeigte dem Publikum, dass die vor 800 Jahren designte Mönchskutte praktische Taschen besitzt. So konnte er vor der Brust auch das Mikro verstauen und musste es nicht dauernd in der Hand halten. Die ja zum Gestikulieren gebraucht wird.

Der im Frankfurter Kapuzinerkloster in einer achtköpfigen Männer-WG lebende Mönch ist auffällig, redegewandt und wohl auch selbstverliebt. Er war schon als Mönchs-Werber ein "Head Hunter Gottes", verriet Paulus. Er leitete eine Fernseh-Talkrunde, betrieb einen Blog mit christlichen Kommentaren zu Bild-Schlagzeilen und bietet sich aktuell auf einer schicken Webseite sowohl als Seminarleiter als auch als Redner an.
Die Liebe Gottes macht jeden leicht eitel. Keiner seiner Mit-Brüder würde mit ihm in den Urlaub fahren wollen, verriet er den Gästen im Kursaal in Bad Salzhausen. Ach, der Mensch: "Amazon ist der Tempel, der den Menschen die Botschaft vermittelt: Du bist eine Gottheit. Weil du noch um 23 Uhr Batterien bestellen kannst, die dir am nächsten Morgen noch vor zehn Uhr geliefert werden. Und der arme Bote schuftet in der Hölle."
Man solle lieber anderen Menschen helfen, findet Bruder Paulus. Er engagiert sich in der Obdachlosenhilfe an der Frankfurter Liebfrauenkirche.
Wenn auch der Armseligste die Herrlichkeit Gottes in sich hat, dann sollten das alle stets würdigen. Dazu gehört für Bruder Paulus auch das Lebensende. In Bad Salzhausen trat der große Mönch vor den in erster Reihe sitzenden Bürgermeister von Nidda. Er beugte sich vor, fixierte Hans-Peter Seum. In Zürich, so Paulus, zahle die Stadt jede Beerdigung - mitsamt Buchsbaum und CD-Player. Es sei ja wohl angemessen, dass die Gemeinde die Kosten für den Abschied eines Mitbürgers aus der Gemeinschaft trage. "Wenn jeder einen Wert hat, dann muss man ihm es auch zeigen. In Deutschland muss sich ja jeder selbst wegmachen."

In Frankfurt habe man jüngst die Friedhofsgebühren um 25 Prozent erhöht. Dass er das und Friedhofsgebühren überhaupt kleinlich findet, wurde sehr deutlich.
Hängen blieb von Paulus Rede auch der Appell an die Politiker: "Redet mit den Leuten, statt zu posten!" Denn direkte Kommunikation - der Gang zum Wochenmarkt - sei viel besser. Die Anbetung des Digitalen und vermeintlicher Freiheiten feiern Urstände, so Bruder Paulus. Besser sei es, analog zu sein, zu bleiben und zu gestalten.

Die Kirche sei nur das erste Opfer der Verdunstung des Christentums: "Heute sagen die Leute: Ich geh nicht wählen - das hat den Geruch der Freiheit. So kommt es, dass nun den Parteien die Kandidaten für die Wahlen fehlen."

In der Tat bat Lucia Puttrich ihre Gäste inständig, nach engagierten Leuten für die Kommunalparlamente zu suchen. Ende des Jahres müssen die Listen fertig sein. Das ist auch für eine Volkspartei nicht mehr einfach.

Quelle: Kreis-Anzeiger v. 8.2.2020

Bild: CDU Nidda

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